Training mit dem Langstock

Geschrieben von Philipp bayer

Wie ich jetzt schon öfter gelesen habe gibt es verschiedene Auffassungen darüber, wann denn nun der Langstock gelehrt werden soll oder darf. Einige halten ihn gar nicht für nötig und in Nürnberg wird man eher zum Fechten verwiesen. Andere wissen es ganz genau und behaupten, dass der Langstock in Hongkong erst sehr spät unterrichtet worden sei. Als mein Lehrer Wong Shun Leung 1986 das zweite Mal zu Gast in Deutschland war, brachte er einigen meiner damaligen Schülern, wie auf dem Photo zu sehen, die ersten Schritte bei.

 

Die meisten trainierten gerade mal ein oder zwei Jahre mit mir. Ich selbst kannte Wong Shun Leung erst 3 Jahre! Warum er das teilweise so „früh“ unterrichtete, hat mehrere Gründe… er war z.B. der Meinung, dass der Langstock sehr schwer kontrolliert werden kann und ein hartes Training über einen sehr langen Zeitraum nötig ist, um eine ständige Verbesserung des Ving Tsun zu erreichen. Die Chancennutzung im Ving Tsun ist eines der Fundamente des Systems. Ist man nicht in der Lage eine Siegeschance unmittelbar auszunutzen, nützt alle Schlagkraft und Kampfeswillen nichts. Das Training mit dem Stock, insbesondere der tiefe Stand tragen, neben der Übung SheungMa/ToiMa, wesentlich dazu bei, die Schrittgeschwindigkeit bzw. Startgeschwindigkeit zu erhöhen.

 

Eine andere wichtige Eigenschaft, die durch eine einzige Langstockübung erarbeitet wird, ist die Kraftentwicklung aus dem ganzen Körper, – ohne diese Technik, werden alle Schläge nur mechanische Bewegungen bleiben, deren Schlagkraft nur aus dem Querschnitt der Oberarme resultiert. Auch jemand der 15 Jahre nur „HandVingTsun“ trainiert hat, wird sich nach diesen 15 Jahren bei dieser Übung wie ein Anfänger verhalten, – nur, dass er eben um 15 Jahre älter geworden ist und sein Ving Tsun bis dahin auf essentielle Einflüsse verzichten musste..

 

Ein weiterer wichtiger Punkt, ist die Tatsache, dass der Stock neben der Schlagkraft, die Schlag Präzision,- d.h. konzentrierte Kraft auf einen winzigen Punkt, wesentlich verbessert. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass es immer wieder Schüler gibt, die den Langstock sofort korrekt führen können ohne auch nur die erste Form des Ving Tsun gelernt zu haben. Und es gibt genau das Gegenteil, Schüler, die nach 5 oder mehr Jahren hartem Training nicht das gleiche vermögen zu tun. Sollte man deshalb dem Begabten das Stöckchen wegnehmen und ihn 5 Jahre oder länger warten lassen… Würde jemand seinem Kind, das aus dem Gefühl heraus fantastisch zeichnen kann, den Buntstift entreißen, weil es zu früh damit anfängt? Würde man einem Drittklässler verbannen, weil er schon den Stoff der sechsten Klasse versteht und dort sogar Klassenbester wäre? NEIN, wenn man nur ein bisserl a Hirn im Schädel hat, würde man ihn fördern durch Fordern!

 

 

Philipp Bayer