Mythen und falsche Ansichten bei Training von Ving Tsun

Geschrieben von Philipp Bayer

Das Einfachste, Wichtigste, und Ökomimischste, das man tun kann, ist täglich zu trainieren. Ca. 90% unseres Ving Tsun Trainings besteht aus Chi Sao und Sparring, die restliche Zeit wendet man für Formen- und Waffentraining auf. Doch wie viel sollte man täglich trainieren, damit man sich verbessert? Einige sagen, dass sie, als sie bei Wong Shun Leung waren, täglich 14 Stunden ohne Pause trainiert haben. Was wollen uns diese Leute damit sagen? 14 Stunden täglich und davon 90% Chi Sao!? Solche Aussagen machen mich wütend, denn damit sagen diese Leute, dass Wong Shun Leung blöde war, und dass er seine Schüler 14 Stunden ohne Pause trainieren liess. Es zeigt einmal mehr, wie unverstanden Wong mit seinem simplen denken war. Wong besass mehr Wissen über körperliches Training, als sich jemand vorzustellen vermag. Er wusste, dass regelmässiges Training, im speziellen das Chi Sao Training, das Wohlbefinden fördert und gegen Herz- und Kreislauf Krankheiten vorbeugt. Um diesen positiven Effekt des Chi Sao Trainings zu erreichen, sollte man aber nicht bis zur totalen Erschöpfung trainieren. Das Chi Sao ist die Seele des Ving Tsun und es gibt uns die Möglichkeit Flexibilität, Schnelligkeit, Kraft, Stabilität und das korrekte Timing im Kampf zu trainieren. Man sollte Chi Sao also im richtigen Mass trainieren!

 

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich vom Training sehr erschöpft war. Mein Trainingswille war ungebrochen aber körperlich war ich fast am Ende. Daraufhin verordnete mir Wong eine Woche Pause! Er erklärte mir, dass meine Muskel eine Pause brauchten, um sich gut entwickeln zu können. Es ist also äusserst wichtig, den Muskeln neben regelmässigem Training auch genügend Zeit zur Erholung zu geben und körperliche Grenzen zu kennen und zu respektieren. Nur so verbessern sich Flexibilität und Schnelligkeit im Ving Tsun. So war Wong´s Ving Tsun einmalig, ungeheuer flexibel und mit niemandem vergleichbar. Er lehrte mich nicht nur den kürzesten und ökonomischsten Weg zum Gegner, sondern auch ökonomisch zu trainieren.

 

So lehrte er mich zum Beispiel, bei ungenügender Motivation nicht zu trainieren. In solchen Zeiten geht man besser einer anderen körperlichen Tätigkeit wie z.B. Tanzen oder Schwimmen usw. nach, da man sich sonst Fehler antrainiert und hart trainiertes wieder zunichte macht. Bedenkt: Ving Tsun trainiert Fehler im Kampf zu vermeiden und dadurch gewinnen zu können und nicht Fehler zu begehen.

 

Last but not least: Das sind Erkenntnisse von Wong Shun Leung aus 4 Jahrzehnten Ving Tsun Training! Er hat seinen Schülern immer gelehrt, dass sich das Ving Tsun nur positiv entwickelt, wenn man dem Körper auch genügend Zeit zur Erholung gibt.

 

Ich möchte euch deshalb nahe legen, dass es nicht nötig ist 14 Stunden täglich zu trainieren, damit euer Ving Tsun gut wird. Ein solcher Trainingsaufwand würde bei einem 80-jährigen bedeuten, dass er sein halbes leben mit Training verbracht hat, was in Anbetracht eines Kampfes, den es vielleicht gar nie gibt, absolut unverhältnismässig ist.

 

Philipp Bayer